9. Die deutsche Arbeitsmaid
Der neunte und vorläufig letzte Teil der Linzer Frauengeschichte - von Krista Feichtenschlager

Die deutsche Arbeitsmaid
Rank und schlank, blond, fleißig und fügsam, so wünschte sich die NS-Herrschaft die deutsche Arbeitsmaid. Die Frau sollte als Bewahrerin der nationalsozialistischen Kultur dienen. Die totale Vereinnahmung begann schon bei den Jüngsten.
Bis zum 10. Lebensjahr wurden sie im „Jungvolk“, bis sie achtzehn im Bund deutscher Mädchen angepasst. Die Schulabgängerinnen mussten Arbeitsdienst in der Landwirtschaft oder bei der Kinderbetreuung leisten. Im Krieg half der BDM auch bei Flüchtlingstransporten und im Sanitätsdienst. Als Erwachsene hatten sie sich in die NS-Frauenschaft zu integrieren. Vordringlichste Aufgabe der Frau war es, Mutter zu werden und dem Führer viele künftige Soldaten zu schenken.
Linz, Hitlers Patenstadt
Linz war nicht nur eine der fünf Führerstädte sondern die einzige Patenstadt von Adolf Hitler. Sie sollte größer und prächtiger werden als Wien oder Budapest: ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum mit gigantischen Prunkbauten, Verkehrsknotenpunkt und Alterswohnsitz des Führers mit über 400.000 Einwohnern.
Das meiste davon blieb Vision.
Die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Hermann Göring Werken stellten alsbald Panzer her, die Chemiewerke erzeugten statt Düngemittel Schießpulver und vieles, etwa der Hafen, wurde zu bauen begonnen, aber nicht fertig gestellt. Von den repräsentativen Bauten in der Innenstadt sind nur die Nibelungenbrücke, die beiden Brückenkopfgebäude am Hauptplatz und das Gleißnerhaus einsame Zeugen dieser hochfliegenden Pläne.
Wohnbau mit ideologischem Hintergrund
Die neuen Machthaber versprachen Arbeit und Wohnungen. Doch auch beim Wohnbau konnte das Ziel nicht erreicht werden, den Luftschutzkeller waren durch den Krieg alsbald wichtiger. Die 3000 Wohnungen, die bis 1944 vor allem am Spallerhof und Bindermichl, im Keferfeld und Urfahr entstanden, reichten bei weitem nicht aus, obwohl die dem Regime getreuen Wissenschafter in der Schaffung von Wohnraum eine Grundvoraussetzung für den Wunsch nach mehr Kindern sahen.
Die „Hitlerbauten“, wie sie noch heute landläufig genannt werden, in Form von Vierkantern mit ihren behäbigen, rundbogigen Hofeingängen, waren wohldurchdacht. Sie lagen abseits vom Stadtzentrum, falls es doch einmal zu Demonstrationen oder gar Krawallen kommen sollte. Die wenigen Hofeingänge erleichterten die Überwachung durch die Blockwarte der NSDAP.
Frauenbilder
Schon Anfang April 1938 reiste, rechtzeitig vor der „Volksabstimmung“ am 10. April, die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink in Linz an und verkündete bei einer Massenkundgebung im Volksgarten die Parole „Wir alle helfen dem Führer!“
Scholtz-Klink war die einzige Frau im NS-Regime, die männlichen Funktionären wie Göring oder Goebbels gleichgestellt war, zumindest offiziell. Denn grundsätzlich entsprach nach der NS-Terminologie Politik nicht den Eigenschaften einer Frau, eher Naturverbundenheit, reichliches Emotionspotential und Talent für rhythmische, wiederkehrende Handgriffe. Einen hohen gesundheitlichen Stellenwert nahm für Frauen sportliche Betätigung ein, um fit für möglichst viele Kinder zu sein.
Von der Hausfrau zur deutschen Arbeitsmaid
Idealbild war Schlichtheit und ein braves, freundliches Wesen, als Hausfrau treu für Mann, Kinder und natürlich für den Führer sorgend, allerdings nur in Zeiten wirtschaftlicher Rezession. Bei vermehrtem Arbeitskräftebedarf sollten die Frauen durchaus, wenn auch nur auf Zeit, in den Produktionsprozess eingebunden werden. Die „vorübergehenden“ Beschäftigungen waren dann naturgemäß schlecht bezahlte und niedrig qualifizierte Positionen. Der Arbeitsdienst für die gesamte deutsche Jugend war bereits ab Oktober 1938 obligat. Zwar nur auf ein Jahr befristet, wurde bald nicht mehr lange gefackelt und den Mädchen ohne langes Fragen auch danach eine Arbeit zugewiesen. Beschäftigte in den Kantinen fanden sich in der Eisenverarbeitung wieder und Bürokräfte hatten in der Mittagspause Essen auszugeben. Gegen Kriegsende musste der Arbeitsdienst praktisch ausnahmslos unbefristet geleistet werden, und zwar nicht nur in Rüstungsbetrieben sondern auch im militärischen Bereich.
Ebenfalls in die Arbeitspflicht wurden ab 1939 berufstätige Frauen aus wehrwirtschaftlich nicht wichtigen Betrieben genommen und wie Hausfrauen ohne familiäre Betreuungspflichten in der Administration, am Fließband und in der Waffenproduktion eingesetzt. Plötzlich wurden dem weiblichen Geschlecht sogar besondere technische Talente zugebilligt. Die schwere, ungesunde und oft gefährliche Arbeit sollte außerdem das frauliche Selbstbewusstsein stärken.
Statt der „Hausfrau und Mutter“ wurde allmählich die „berufstätige Hausfrau“ propagiert, die das Sparen mit Lebensmitteln angesichts der schlechten Versorgungslage zwar schon reichlich geübt hatte, nun aber auch zum Sparen von Zeit aufgerufen war, um Arbeit, Familie und das Mitmachen in der Frauenorganisation unter einen Hut zu bringen. Die Begeisterung von Frauen mit Familienpflichten hielt sich in Grenzen, als auch sie zur Berufstätigkeit aufgerufen wurden. Von den fünf Millionen Frauen, die mittels Propaganda zusätzlich mobilisiert werden sollten, arbeiteten im vorletzten Kriegsjahr nur ca. 300.000 Frauen mehr als 1939 im deutschen Reich.
Schwangere Lückenbüßerinnen aus dem Osten
Das Vakuum im Arbeitsprozess schloss letztendlich die Fremd- und Zwangsarbeit. Der Ausländeranteil an den Erwerbstätigen erreichte Ende 1943 42,2 Prozent. Vor ein besonderes Problem stellte die Verantwortlichen die Sexualität. Kontakte zur arischen Bevölkerung waren natürlich streng verboten und so wurde schon Ende 1940 höchst offiziell das erste Bordell für ausländische Männer eingerichtet. Von den Ostarbeiterinnen, vor allem aus der Ukraine, und den Polinnen, die nach Jüdinnen, Romas und Sintegas am unteren Ende der rassenpolitischen Werteskala standen, wurden viele schwanger und konnten nun nicht mehr maximal ausgebeutet werden. Wenn die Kinder gar einen deutschen Vater hatten, war streng die „Eindeutschungsfähigkeit“ zu prüfen. Alles, was der deutschen Frau und Mutter als Wahrerin der Nation an Mutterschutz zugebilligt wurde, stand den Ausländerinnen großteils nicht zu.
Im Durchgangslager Bindermichl fanden schwangere Ostarbeiterinnen aus dem gesamten Gebiet Oberdonaus zwangsweise Unterkunft. In der Frauenklinik wurde die „Ostarbeiterinnen-Baracke“ und im AKH die „fremdvölkische Abteilung“ eingerichtet. Die Säuglinge kamen in Kleinkinderbetreuungseinrichtungen einfachster Art“ aufs Land, so einfach, dass junge Frauen von Spital am Pyhrn freiwillig in das Heim gingen, um die Babys zu wickeln.
Während für Deutsche die Strafen für Abtreibungen bei professioneller Ausübung bis zur Todesstrafe verschärft wurden, legalisierte eine spezielle Anordnung 1943 Schwangerschaftsabbrüche bei Ostarbeiterinnen. Sie wurden oft auch gegen den Willen der schwangeren Frau ausgeführt.
Von Begeisterung zu Ernüchterung
Die Euphorie über den wirtschaftlichen Aufschwung, von dem Frauen zu Beginn ebenfalls profitierten, wich alsbald einer Ernüchterung. Es gab steigende Arbeitszeiten, erhöhten Arbeitsdruck und keinerlei Mitbestimmung im Arbeitsleben. Die politische Propaganda drang in den letzten Winkel und der Krieg forderte immer mehr Opfer. Außer Kinobesuchen und Familienfesten gab es praktisch keine Abwechslung. Vor allem die Frauen verdrängten die Politik weitgehend aus ihrem Denken und konzentrierten sich auf die Organisation des Überlebens.
„Durchhalten“ lautete eine Devise, „Vorsicht“ eine andere, denn Denunzierungen standen auf der Tagesordnung. Neben barer Münze entwickelten sich die Bezugsscheine zu Tausch- und Zahlungsmitteln. Dass an Frauen mehr Raucherkarten ausgegeben wurden als an Männer, hing weder mit dem kriegsbedingten Frauenüberschuss noch mit dem Rauchverhalten zusammen. Zigaretten galten als eine Art Währung, ebenso die Lebensmittelmarken am florierenden Tauschmarkt. Aus Decken wurden Wintermäntel gefertigt, Flanellbetttücher gefärbt und zu Röcken verarbeitet, alle auffindbaren Wollreste zu Kinderkleidern, Unterhosen und Socken verstrickt. Zu diesen Sorgen kamen ab 1944 die Bomben und angstvolle Stunden in Luftschutzkellern und Bunkern.
Widerstand war besonders in Linz als Verwaltungszentrum gefährlich, aber es gab ihn auch in der gut bewachten Lieblingsstadt des Führers von sozialdemokratischen, kommunistischen und katholisch-konservativen Gruppen und von Einzelpersonen. Zur Verteilung von Flugzetteln und illegalen Zeitschriften, zur Unterwanderung der NSDAP und zu den Aufforderungen zur Arbeitssabotage und Arbeite-Langsam-Parolen gehörte eine immense Portion Mut. Mindestens 2700 Menschen wurden in Österreich aus politischen Gründen hingerichtet, je etwa 16.000 starben in Konzentrationslagern und Gefängnissen.
In Linz waren bei den 22 großen Fliegerangriffen 1679 Menschen ums Leben gekommen. Von 10.500 Häusern der Stadt waren über 7700 mehrmals getroffen worden. Rund 20.000 Personen standen ohne Obdach da. Die ersten amerikanischen Soldaten, die am 4. Mai 1945 mit ihren Panzern am Hauptplatz ankamen, wurden von der Linzer Bevölkerung als Befreier begrüßt.
Nachlese der Autorin unserer Linzer Frauengeschichte
60 Jahre Kriegsende und 50 Jahre Staatsvertrag haben das Jubiläumsjahr 2005 in Österreich geprägt und das Heranwachsen der zweiten Republik ist aus vielen Blickwinkeln durchleuchtet worden. Deshalb endet unser Streifzug durch das Leben unserer Vorfahrinnen mit diesem Beitrag. Viele Namen und so manches Ereignis blieben wegen der gebotenen Kürze unerwähnt. Die Wanderung durch die Jahrhunderte möge daher als kleiner, wenn auch unvollständiger Beitrag angesehen werden zu der Erkenntnis, dass die Geschichte nicht nur grammatikalisch weiblichen Geschlechts ist.
Text: Krista Feichtenschlager
Andrea Altenhofer, email an die Autorin


